Wissenschaftlern folgen? Ja doch, aber welchen?

17.01.2021
aus: Frankfurter Allgemeine – 11.1.2021, S. 13
Von Wolfgang Streeck
Wenn es darum geht, wie der Pandemie zu begegnen wäre, wird wissenschaftliches Expertentum als höchste Instanz beschworen. Die unterschiedlichen Disziplinen weisen aber unterschiedliche Wege.
Einer der vernünftigsten Beiträge, die es in die Regimemedien geschafft haben. Wolfgang Streeck erklärt, dass "Fakten" allein nichts heißen, dass der Umgang mit der Epidemie eine politisch-soziale Frage ist und dass eine Nutzen-Schaden-Abwegung notwendig sei.
Die Redaktion

Wissenschaftlern folgen? Ja doch, aber welchen?

Wenn es darum geht, wie der Pandemie zu begegnen wäre, wird wissenschaftliches Expertentum als  höchste Instanz beschworen. Die unterschiedlichen Disziplinen weisen aber unterschiedliche Wege.  

Von Wolfgang Streeck

Irgendwann im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der ersten Welle. Ein Bekannter, in grauer Vorzeit eine politische Macht, am Telefon, so nebenbei: „Jetzt müssen Sie als Wissenschaftler doch zufrieden sein, die Politik tut, was die Wissenschaft sagt.“ Ich antworte das Übliche: Welche Wissenschaft, die vom Kollegen Drosten oder vom Kollegen Streeck, am Ende müsst doch ihr entscheiden und so weiter. Nachträglich glaube ich, er wollte nur rauskriegen, ob ich mit Letzterem verwandt bin. Das Interesse daran begegnet mir fast jeden Tag. Nein, bin ich nicht, reiner Zufall. Das Thema ist natürlich interessant und wichtig dazu. „Follow the science“, hieß das mal, als es um den  Klimawandel ging. Aber welche „science“? „Facts are facts!“ Als Wissenschaftler kann ich da nur fragen: Seit wann denn das? Welche erkenntnistheoretischen Kurse kann jemand besucht haben, der so  etwas auf ein Poster schreibt und sich damit auch noch fotografieren lässt? Für die Pandemie zuständig  sind nach allgemeiner Ansicht die Virologen; deren Fakten handeln von der molekularen Struktur der Viren, aber nicht von der sozialen Struktur menschlicher Kontakte. Ebenfalls als zuständig gelten Physiker und Mathematiker; die allerdings kommen ohne Fakten aus und arbeiten stattdessen mit   Modellen wie die Quants in den Investmentbanken vor 2008, die uns ihre todsicheren Vorhersagen über die Stabilität der Preise von Derivaten eingebrockt haben.

Soziologen, wie ich einer bin, sind am pandemischen vaterländischen Hilfsdienst nicht beteiligt. Ihre Fakten und Modelle sind nicht gefragt, und vornehm, wie wir sind, drängen wir uns auch nicht auf, etwa mit Beteuerungen nach dem Motto „Wir sehen was, was ihr nicht seht“. Nicht, dass Soziologen öffentlich völlig abwesend wären. Einige sind durchaus präsent, aber nicht als Helfer, sondern als Deuter des Gehenden und Kommenden: Corona wird unser Leben verändern– wird es nicht; alles wird solidarischer – alles wird kälter; die Frauen sind die Opfer – die Frauen gewinnen mehr Zeitsouveränität; Stattfindendes wird beschleunigt – Stattfindendes findet nicht weiter statt. Deutung kommt zur Not ohne Fakten aus, vor allem wenn das Gedeutete in der Zukunft liegt. Andererseits ist die Soziologie in ihrer Ausprägung als empirische Sozialforschung doch stolz darauf, „objektive“, sozusagen faktische Fakten finden und bekanntmachen zu können, Fakten, wie sie gerade in einer  sozialen Krise wie der unseren von praktischem Interesse sein könnten: über menschliche Kontakte, ihre Regelmäßigkeiten, Voraussetzungen und Folgen. Politiker sind nach solchen Fakten, wenn es um Wahl und Wiederwahl geht, geradezu süchtig. Sie trauen ihren Meinungsforschern zu, dass sie ihnen bis  auf die kleinste demographische Untergruppe aufgeschlüsselt sagen können, was „fliegt“ und was nicht; was die Leute denken, wollen, sagen, tun und getan haben; mit wem sie ihr Bier trinken; von wem  sie sich etwas einreden lassen und von wem nicht. Aber wenn es nicht nur für sie politisch um Leben und Tod geht, sondern für alle volksgesundheitlich: kein Interesse. Physiker und Mikrobiologen regieren die Stunde.

Am Geld kann es nicht liegen, dass wir nichts über die Sozialstruktur des „Infektionsgeschehens“ wissen. Geld gibt es seit Corona wie Sand am Meer, nichts ist mehr zu teuer. Warum wissen wir dann nicht, was wir wissen könnten, wenn wir die eine oder andere repräsentative Umfrage veranstalten würden, um herauszufinden, wie viele infiziert sind, wie viele davon es nicht wissen, wie die Infizierten  sich von den Nichtinfizierten in Sozialprofil und Kontaktverhalten unterscheiden, wer die Risikogruppen sind und welches die Risiko-Orte? Die erforderlichen Samplegrößen berechnen, das können sogar Soziologen, auch wenn ihre Mathematik zugegebenermaßen nicht annähernd so raffiniert ist wie die  
der Physiker. Eine Stichprobe beliebiger Größe oder geschichtete Sample von Infizierten und Nichtinfizierten, dazu, sagen wir, eintausend Soziologiestudenten, die gut instruiert zu langen qualitativen Interviews ausschwärmen – teuer, zugegeben, aber nichts im Vergleich zu dem, was die nicht enden wollenden Lockdowns kosten.

Sicher, das dauert, aber länger als die Impfstoffverteilung dauert es auch wieder nicht. Und überhaupt muss man ja nicht von vorne anfangen. Damals, in der ersten Welle zum Beispiel, als die Gesundheitsämter noch den Infektionsketten auf die Spur kamen, so heißt es jedenfalls, müssen bergeweise Daten  angefallen sein, die in irgendwelchen Aktenschränken schmoren, denn deutsche Ämter schmeißen nichts weg. Wenn man die zusammenführen und auswerten würde, das wäre doch schon was. Warum verlangt das niemand, außer dem einen oder anderen Maverick aus Hannover? Noch rätselhafter in einer Marktwirtschaft: Warum bietet das keiner an?

Oder braucht man das nicht? Virologen und Physiker gehen davon aus, dass die Chance, angesteckt zu  werden und anschließend zu erkranken (was wahrhaftig zweierlei ist), für alle gleich ist, gleich verteilt, strukturlos. Vielleicht stimmt das so nicht, aber da man darüber nichts weiß, jedenfalls als Physiker oder  Virologe, nehmen wir mal an, dass es so ist, und schauen wir mal, wie weit wir damit kommen: gute wissenschaftliche Praxis. So kommt es, dass wissenschaftliches Fakten-Nichtwissen Strategien zur Eindämmung der Pandemie empfiehlt, die nicht nur riskante Kontakte, sondern alle Kontakte unterbinden sollen, weil alle als gleich riskant behandelt werden müssen und nicht nach Risiken unterschieden werden können. Der alle Nachteile ausgleichende, nebenbei anfallende Vorteil ist dann, dass man auf feinmechanisches Klein-Klein verzichten kann, her mit dem Hammer, drei, vier, fünf Wochen Kontaktsperre für alle, und zwar richtig hart. Dann, so zeigen unsere faktenfreien Modelle, ist das Virus weg, wir machen wieder auf, und es darf getanzt werden.

Das klingt gut, und es könnte der Grund sein, warum man von den Fakten der anderen selbst dann nichts wissen will, wenn sie zu haben wären. Das Problem ist freilich, dass das mit dem Hammer nicht  funktioniert, bei uns nicht und auch nicht anderswo in Europa. Diesen Sachverhalt gilt es in seiner ganzen Größe zu würdigen. Es funktioniert erstens nicht, weil man eben nicht alle Kontakte unterbinden kann; die Leute müssen sich was zu essen kaufen, die Singles brauchen – wie nennt man das? – funktionale Äquivalente für ihre Singles-Bars und so fort. Es funktioniert zweitens nicht, weil die Menschen sich den harten Lockdown, etwa anlässlich der englischen Mutation, nur dann gefallen  
ließen, wenn man sie dazu zwingen könnte, was man aber hierzulande nicht kann. Die Gerichte verlangen nach „Verhältnismäßigkeit“. Drittens: Auch gutes wissenschaftliches Zureden funktioniert nicht, weil wissenschaftlich ungebildete Menschen nicht an identische Ansteckungs-, geschweige denn Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten glauben wollen, und wenn ihnen nichts Besseres geboten  wird als die ihnen unplausiblen Modellannahmen der regierenden Physiker, machen sie sich ihre eigenen Modelle zurecht, die ihnen, vielleicht aber auch dem Virus, besser in den Kram passen. Und es funktioniert viertens nicht, weil Deutschland, anders als Neuseeland, keine Insel ist.

Das ist aber noch nicht alles. Klappt die Therapie nicht, können die Physiker und Virologen mit den ihnen als solchen verfügbaren Fakten und Modellen immer nur raten: Es war noch nicht Hammer genug; noch längere und härtere Auflagen; noch eine Fernsehansprache der Kanzlerin; noch mehr Presseberichte über bleibende Schäden junger Geheilter. Wer nicht hören will, muss fühlen, für alle anderen gilt: Tut uns leid, mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Um das Problem vollumfänglich zu verstehen, muss man sich an dieser Stelle klarmachen, welch verlockende Anreize die physikalisch flächendeckende Methode der Seuchenbekämpfung der Politik bietet.  Differenzierte Zumutungen bringen die Gefahr mit sich, Bevölkerungsgruppen zu nahe zu treten und als  diskriminierend betwittert zu werden. Zumutungen für alle dagegen lassen sich als moralische Aufforderung zur Solidarität, zum Opfer für die Mitmenschen darstellen. Wenn differenziert gezielte Interventionen nicht zum Erfolg führen, ist die Politik schuld, die falsch gezielt hat. Wenn flächendeckende Appelle wirkungslos bleiben, waren „die Menschen“ nicht solidarisch genug, sind deshalb selbst  schuld und können zu Recht durch verschärftes Nachsitzen zur Räson gebracht werden. Allerdings hat es hier mit den Problemen keineswegs sein Bewenden. Flächendeckung verspricht mehr  als nur Licht am Ende des Tunnels, nämlich eitel Sonnenschein: eine virenfreie Zukunft, zurück in die 
Vergangenheit. Die aber wird es nicht geben, auch nicht mit Impfung. Eine Impfpflicht, so wird den Impfgegnern versprochen, soll es nicht geben, nicht einmal für das Krankenhaus- und Heimpersonal. Wenn das Virus die „politische, soziale, ökonomische Jahrhundertaufgabe“ ist, als welche es in der Merkel’schen Neujahrsansprache erscheint, könnte man da nicht ein bisschen mehr verlangen? Oder geht man schon heute davon aus, dass auch Geimpfte das Virus oder seine unvermeidlich nächste Mutation weitertragen können? Vielleicht ist die „Jahrhundertaufgabe“ doch nicht jahrhundertmäßig genug, um einen politisch kostspieligen Streit mit den Impfgegnern oder auch den Datenschützern zu  rechtfertigen. Als Nutzer der Corona-App würde man ja auch gerne wissen, was diese, extensiv datengeschützt, eigentlich genutzt hat; man hört nichts darüber, Jahrhundertaufgabe hin oder her. Und wer wird wann „den Menschen“ eröffnen, dass sich das Virus nicht mehr verabschieden wird und  dass man deshalb wird darüber reden müssen, mit welcher „normalen“ Infektions- und Erkrankungsrate man wie leben will? Irgendwann kommt der Augenblick der Wahrheit, wenn die Panik weggeredet und mit zielgruppenspezifischer Prävention begonnen werden muss. Ich fürchte, unsere politische Klasse wird versuchen, uns bis zur Bundestagswahl im September mit dem Versprechen einer Erlösung  von den Corona-Übeln unter einem Lockdown nach dem anderen zu halten, um dann nach pflichtgemäß abgeliefertem Massenkonsens ihre Redenschreiber, Werbeagenturen, Fernsehfrauen und -männer, Fokusgruppenspezialisten und Verhaltensökonomen auf uns loszulassen mit der Aufgabe, uns irgend-wie in ein bis dahin von den zuständigen Spezialisten zu entwickelndes neues „Narrativ“ einzuordnen.

Ginge es dann darum, das Virus, wenn es schon nicht auszurotten ist, so doch zu beherrschen, brauchte man dann nicht doch andere Fakten und Modelle als die der Virologie und der Physik? Neue  Forschung wäre natürlich nötig, aber es gibt auch Fakten, so wie Fakten eben sind, die wir schon kennen und mit denen man etwas anfangen könnte. Hier nur ein paar Kostproben. Im abgelaufenen Jahr starben 34500 Menschen „in Zusammenhang mit“ oder „an und mit“ Covid-19. Es verlangt einem kalte Hochachtung ab, wie die politische Krisenregie es geschafft hat, sich mit diesen  Formeln durchzumogeln. Müsste man nicht im Namen des immer wieder neu downgelockten Bürgers  als Journalist oder Parlamentarier verlangen, dass das „an“ so gut wie möglich von dem „mit“ getrennt wird? Herden von Forschern müssten doch eigentlich daran arbeiten, gerade dieser Klassifikation auf die Sprünge zu helfen.

Von den 34500 deutschen Corona-Toten des Jahres 2020 waren, nach glaubwürdigen Berichten (offizielle Statistiken gibt es anscheinend nicht), mindestens die Hälfte vor ihrem Tod Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Man muss das wohl für einen Riesenskandal halten – nicht zuletzt, weil der Anteil der Bewohner der Heime an den „Todesfällen“ in der zweiten Welle noch höher zu sein scheint als in der ersten. Was hat man über den Sommer zur Aufrüstung der Heime gemacht, um die in ihnen Betreuten zu schützen? Der eigenartige Kontrast zwischen dem hysterischen Alarmismus des Frühjahrs  und dem verschlafenen Sommer wäre ohnehin ein Thema für sich. Des Weiteren weiß man, dass es  
Arbeitsplätze wie beim Schweineschlächter Tönnies, mit Überanstrengung, erniedrigten Arbeitern, entsprechend niedrigen Löhnen und himmelschreienden Wohnverhältnissen, nicht nur dort gibt. Man darf vermuten, dass ganze Reihen von „Infektionsketten“ zu solchen Orten führen, müsste allerdings Genaueres wissen, um, wenn man denn wollte, etwas tun zu können.

Auch das mit den Freikirchen als sogenannten „Hotspots“ hat sich schon herumgesprochen; weniger, dass es sich bei vielen von ihnen um abgeschlossene Gemeinschaften von Immigranten handelt, wie es  sie auch in nichtreligiöser Form gibt. Wer macht sich eigentlich Gedanken darüber, wie man diesen Neubürgern erklärt, dass einige der ihnen lieben kulturellen Orientierungen nicht mehr in die hyperglobalisierte Risikogesellschaft passen? Vergleiche mit anderen Ländern, aber auch der soziologisch informierte gesunde Menschenverstand, verweisen ferner darauf, dass Erkrankungen, insbesondere solche der schwereren Art, zwar mit dem allgemeinen Gesundheitszustand der Betroffenen, dieser aber mit dem Einkommen, dem Wohnquartier, dem Zugang zu Bildung sowie, nicht zuletzt, den Aufwendungen  für das öffentliche Gesundheitssystem zusammenhängt.

Dass wir in Deutschland unser Gesundheitssystem nicht schon längst unter dem Druck der EU auf das  italienische oder britische Niveau heruntergefahren haben, von dem amerikanischen gar nicht erst zu reden, kommt uns jetzt zugute. Infolge einer Corona-Infektion schwer zu erkranken ist einerseits unwahrscheinlich, andererseits aber weder Zufall noch Privatsache, sondern ein Problem dessen, was die Angelsachsen als „public health“ bezeichnen. Die Rede von dem Virus, das uns alle gleichermaßen mit dem Tod bedroht, kommt denen recht, die seit Jahrzehnten von präventiver Medizin reden, aber nichts dafür getan haben – und die uns heute versprechen, die immer weiter zunehmende Disparität der  Lebenslagen nach sozialem Status und wirtschaftlicher Klassenlage wegimpfen zu können: die Pharmakologisierung der auseinanderfallenden Klassengesellschaft.

Zum Schluss noch ein paar nüchterne Anmerkungen zum Thema Beherrschbarkeit. Für das Jahr 2020  verzeichnet das Robert-Koch-Institut (RKI) 1784000Fälle von Ansteckungen mit Sars-CoV-2, genauer: von positiven Tests auf Sars-CoV-2. Die im selben Zeitraum an Covid-19 verstorbenen 34500  Menschen machen weniger als zwei Prozent der positiv Getesteten aus. Wie viele Infizierte es zusätzlich  waren, die nichts gemerkt haben oder sich nicht haben testen lassen, wissen wir nicht; würde man sie mitrechnen, würde die Todesrate weiter fallen, ins umso Beherrschbarere.
Insgesamt starben 2019 in Deutschland 939520 Personen; die Zahl für 2020 dürfte, wenn sie im Trend der vergangenen fünfzehn Jahre liegt, geringfügig höher sein. Schätzt man sie auf 950000, wofür die bis  November vorliegenden Monatswerte sprechen, so belaufen sich die „an und mit“ Verstorbenen auf 3,6 Prozent aller Toten des Jahres 2020, bei sehr ähnlicher Gesamtzahl. Eine weitergehende Aufschlüs- selung nach Todesursachen wird es frühestens Ende 2021 geben. Das Statistische Jahrbuch für 2019 weist für das damals letzte Berichtsjahr 2016 in den Kategorien „Bösartige Neubildungen der Atmungs- organe“ und „Krankheiten des Atmungssystems“, also Lungenkrebs und Lungenentzündung, insgesamt 112238 Sterbefälle aus. Unterstellt man ähnliche Größenordnungen für 2020, so wären dies knapp  dreimal so viel wie die „an und mit“-Sterbefälle. Wie viele derjenigen, die bis 2019 als Opfer von  
Lungenkrebs und Lungenentzündung gezählt worden wären, 2020 als „an und mit“ verstorben klassifiziert wurden, wissen wir nicht. Ihre Zahl dürfte aber nicht unbedeutend sein. Ähnliches gilt übrigens für die vom RKI zuletzt konservativ auf zwischen zehn- und zwanzigtausend geschätzten Menschen, die Jahr für Jahr an mangelhafter Krankenhaushygiene sterben, sowie für die vom selben Institut ähnlich hoch geschätzten jährlichen Grippetoten.
Nach unbeherrschbaren Größenordnungen sieht Corona, so betrachtet, jedenfalls nicht aus. Hierzu passt, dass es Ende 2020 in Deutschland nach Angabe des zuständigen Fachverbandes Divi 23816 Intensivbetten gab, von denen 5762, etwas weniger als ein Viertel, von Patienten „in Zusammenhang mit Covid-19“ belegt waren. 3735 Intensivbetten, entsprechend sechzehn Prozent der Gesamtzahl, waren noch frei. Zusätzlich stand derselben Quelle zufolge noch eine „Notfallreserve“ von 10000 Betten zur Verfügung. Es gibt andere, abweichende Zahlen, gerade auch zum immer wieder aufgerufenen Thema Überlastung. Ich kann die Gründe nicht überprüfen und frage mich, warum es in unserem  riesigen Bundestag nicht einen einzigen Abgeordneten gibt, der der Regierung ein umfassendes Zahlenwerk über die deutschen Intensivstationen, 2020 und im Vergleich zu den Vorjahren, aus den Zähnen zieht, zumal deren Kapazität ja den Grund dafür liefern soll, dass wir die erste Jahreshälfte, wenn es nach dem Politvirologen Lauterbach geht, im Lockdown verbringen sollen.

Wenn eine Gesellschaft mit Lungenkrebs leben kann, kann sie, wenn sie muss, wohl auch mit Covid-19 leben. Im Übrigen, wenn man die Alten- und Pflegeheime virenfest aufrüsten würde, was zweifellos nur  einen winzigen Bruchteil der gigantischen Corona-Sonderhaushalte erfordern würde, könnte man Totenzahlen und Bettenbelastung nicht unbedingt halbieren, sinken würden sie aber. Wenn man dann noch die Hausärzte dazu bekäme, ihre vorerkrankten Stammpatienten einzubestellen und ins Gebet zu  nehmen, wäre eine, und soweit ich sehe, überhaupt die wichtigste Begründung für die mit ewiger Wiederkehr drohenden Lockdowns entfallen. Welche Begründung bliebe dann noch?

Wolfgang Streeck ist Soziologe und leitete bis zur Emeritierung das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in  Köln.